Mühle Müetschbach
Oberhalb des Fabrikareals steht es heute noch: das Gebäude der ehemaligen Mühle Müetschbach. Die Mühle wird 1379 zum ersten Mal erwähnt und war damals im Besitz der Burgherren von Greifenberg. Ihr Wohnsitz ist ausgangs Bäretswil bis heute als Ruine erhalten geblieben. In den Nebenmühlen wurden eine Sägerei, eine Stampfe, eine Reibe und eine Schleife betrieben. 1854 wurde der Mühlenbetrieb eingestellt; das Haus diente fortan als Konsumladen, Wirtschaft und Bäckerei, als Kost- und heute als Wohnhaus.
Firmengründung im Neuthal
1825 erwarb die Winterthurer Baumwollhandelsfirma Geilinger & Blum die Mühle Müetschbach mit dem dazugehörigen Wasserrecht mit der Absicht, eine Spinnerei zu erstellen. Zusammen mit dem Partner Johann Rudolf Guyer baute sie bis 1827 die mechanische Spinnerei unterhalb der Mühle. Daraus entwickelte sich im Laufe der folgenden Jahrzehnte das Ensemble Neuthal mit seinen verschiedenen Gebäuden, Wasser- und Parkanlagen. Das Ensemble ist in seiner Gesamtheit heute schweizweit einmalig.
Der Weiler Neuthal verdankt J.R. Guyer auch seinen Namen: Müetschbach fand er unpassend – Neuthal sollte er künftig heissen: Zeuge des Aufbruchs in eine neue Zeit!
Aufstieg und Blüte
Die Spinnerei Neuthal wurde für 14‘000 Spindeln gebaut, startete mit 8 Spinnstühlen und besass 1836 schon 8160 Spindeln. Angetrieben wurden die Maschinen 1827 durch ein 8 Meter hohes Wasserrad, 1832 durch ein Hilfsrad ergänzt. Ab 1838 sorgten zwei je 12 Meter hohe oberschlächtige Wasserräder übereinander für den Antrieb der immer zahlreicher und leistungsfähiger werdenden Maschinen. 1850 brauchte es für neue Maschinen von Escher-Wyss einen neuen Weiher und neue Zuleitungen.
1853 machte sich J.R. Guyer selbständig und kaufte seinem Winterthurer Partner Caspar Reinhart dessen Anteil ab. Nun war er Herr über 14‘230 Spindeln. Bis 1863 verdoppelte sich die Bilanz der Fabrik, die Investitionen in Maschinen und Wasserkraft hatten sich gelohnt. In der Ära von Adolf Guyer-Zeller steigerten sich die Innovationen nochmals: Zwischen 1870 und 1886 folgten sich neue Wasserkraft- und Maschinenprojekte. Realisiert davon wurden ein neuer Weiher, ein neues Maschinenhaus neben der Fabrik mit zwei Turbinen und ein Turbinenturm mit Seiltransmissionsanlage unterhalb der Fabrik. Die Wasserkraft reichte aber immer noch nicht für die neuen Maschinen, weshalb 1886 auch eine Dampfmaschine eingerichtet wurde.
Das Ende der Spinnerei Neuthal
Nach dem Tod von Guyer-Zeller 1899 übernahm die Familie Hegner die Führung der Spinnerei. Edmund Hegner war ein Schwiegersohn seiner älteren Schwester. Nach dem Tod von Guyer-Zellers Witwe ging 1911 die Firma «Johann Rudolf Guyer» in den Besitz der Familie Hegner über. Ihre Firma hiess Spinnerei & Weberei Zürich AG und wurde 1930 umbenannt in Hegner & Cie. Nach einem Jahr krisenbedingter Stilllegung 1936 führte sie die Spinnerei in Betriebsgemeinschaft mit der Firma Trümpler & Söhne (Uster) weiter. 1945 bis zur konjunkturbedingten Schliessung 1964 diente das Gebäude als Weberei. Nach verschiedenen Handänderungen übernahm die Stiftung Suchttherapie Neuthal 1983 die Villa mit Parkanlagen und Ökonomiegebäuden. 1978 kaufte der Kanton Zürich die Weiher und Wasserrechte und sanierte bis 1991 fast alle Anlagen. 1988 übernahm er auch das Fabrikgebäude und baute es nach und nach zu einem textilhistorischen Zentrum von überregionaler Bedeutung aus.